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Was ist schlecht am Weg zur Vernunft?

Erstellt von bf am Donnerstag 18. September 2008

“Der Markt ist getrieben von Angst und üblen Gerüchten!” Habe ich gerade auf Spiegel Online gelesen. Und wer sich jetzt alles dagegen stemmen muß. Noch vor eineinhalb Jahr war der Markt getrieben von “Gier und üblen Gerüchten”. Die Kurse wurden von Spekulanten nach oben getrieben auf Teufel komm raus. Nur, damals war das etwas anderes. Heute sind die Spekulanten böse.
Wir sollen uns mal darauf verständigen, dass Spekulanten einfach ihren Job machen, so oder so. Für alle, die die Sensation wittern: Für uns Investoren hat sich nichts geändert, und das wird es auch nicht

Mit wem ich kein Mitleid habe

Zunächst sind da die Inhaber der Lehman-Zertifikate. Niemand weiß ja derzeit genau, was diese noch Wert sind. Ob noch genügend Geld da ist, um die Forderungen zu begleichen? Oder ob das alles aufgekauft wird? Ich habe kein Mitleid, weil:

Wer diese Zertifikate kaufte, um eine große Mehrrendite erwirtschaften wollte, der wußte genau, das die Anlage spekulativ ist. Im Gegensatz zu anderen Möglichkeiten hatte er keine Chance, die darunter liegenden Werte wirklich zu prüfen, daher hat er es auch nicht getan. Ich habe kein Mitleid mit “Investoren”, die die Risiken nicht überprüfen.

Wer einfach “ein wenig mehr Rendite” wollte und diese Zertifikate kaufte, der hat zumindest Grahams alten Rat nicht befolgt: Es lohnt sich nicht, für ein paar wenige Prozent mehr Rendite die Möglichkeit eines Totalverlustes in Kauf zu nehmen. Das gilt nicht nur für Lehmen

Fragwürdig: EONIA-ETF

Der EONIA-ETF ist da ein exzellentes Beispiel. Dort bekomme ich also die Rendite des EONIA-Satzes, allerdings ist es so strukturiert, daß ich (zumindest für dieses Jahr) die Steuern spare (nämlich mit Future-Kontrakten).

Das Pro für mich heißt also, ich mache ein paar Prozentpunkte mehr Rendite mache als mit Staatsanleihen. Ich will das jetzt nicht nachrechnen, schätzen wir also großzügig auf 1-2%. Als Kontra habe ich jetzt das Ausfallrisiko der Deutschen Bank. Statt der von Deutschland. Na, ich weiß nicht.

Lehman – Genausowenig Mitleid

Richtig, mit den Aktionären von Lehman habe ich ebenfalls kein Mitleid. Ich bin fest davon überzeugt: Derjenige private Investor, der die Bilanz von Lehman Brothers versteht, der muss erst noch geboren werden. Die Forderung, zumindest elementar zu Verstehen, wie ein Unternehmen aufgestellt ist, ist wirklich das Minimum. Die gesamte Finanzbranche wußte nicht, was bei einem Zusammenbruch in etwa passiert. Wer dieses Unternehmen als privater Investor kauft, mit dem habe ich überhaupt kein Mitleid.

Selbiges gilt heute für Morgan Stanley und Goldman Sachs.

Wie geht es weiter?

Zunächst einmal: Haben Sie wirklich wertorientiert investiert? Dann haben sie seit Mitte letzten Jahres maximal einen Verlust von etwa 10% eingefahren, der Median dürfte wohl so bei 5% Gewinn liegen. Machen Sie Sich keine Sorgen. Der Markt nähert sich langsam – oder auch etwas schneller – im Schnitt wieder einem vernünftigen Niveau.

Laut langfristigem Trend (siehe DAX Inflationsbereinigt, ja versprochen, ich Update das diese Woche noch) müßte der Gleichgewichtspreis für den DAX letztes Jahr bei ~5500 Punkten gelegen haben, eventuell etwas darunter. Das sollte heute also (plus Inflation, plus Dividenden) bei ~5700-5800 Punkten liegen, auch hier eher am unteren Rand.

Das bedeutet, in diesem Bereich, so um die 5700-5800 Punkte sollte “der durchschnittliche DAX-Wert” wieder vernünftig bepreist sein. Schon jetzt können Sie sich hinsetzen und für einige Unternehmen mal nachrechnen, wie sie positioniert sind. Ein Beispiel, wie ich dabei vorgehe, finden Sie unter Investmentanalyse Henkel.

Neue Weltordnung? Jetzt handeln?

Ich habe gelesen “Die Welt, wie wir sie kennen, geht unter”. Nichts könnte falscher sein. Es gab kurzfristig ein System, das strukturell nicht überlebensfähig war. Das geht jetzt unter. Als Value Investor hatten Sie mit diesem System nichts zu tun.

Sie haben also gegenüber einem großen Teil der aufgeregten Finanzwelt folgenden Vorteil: Sie müssen heute nichts tun. Entspannen Sie Sich, lehnen Sie sich zurück, trinken Sie vielleicht einen guten Wein (vielleicht probieren Sie mal den ausgezeichneten Durlacher Turmberg Riesling Kabinett, den Sie beim Staatsweingut Karlsruhe Durlach bekommen).

Freuen Sie Sich über die neuen “Hiobsbotschaften”. Im letzten Jahr war das Investieren wirklich schwierig, weil so vieles so teuer war. Heute ist vieles eher vernünftig und manches sogar schon billig. Also, wenn Sie Ihren Wein genossen haben, dann nehmen Sie Sich mal den Taschenrechner. Und lassen Sie jedes Unternehmen links liegen, bei denen Sie die Bilanz nicht verstehen – vielleicht ist das ja Absicht.

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