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Vor Ort: USA in der Rezession

Erstellt von bf am Sonntag 29. Juni 2008

Die letzten Wochen habe ich genutzt, um mir vor Ort ein Bild der Situation in den USA zu machen. Die Frage ist nicht mehr, ob die USA in einer Rezession sind, sondern nur noch, wie lange und wie tief diese sein wird.

Wie schwerwiegend die Probleme bereits heute sind, läßt sich vor Ort leicht erfahren. Längere Zeit bin ich einfach nur durch verschiedene Wohngebiete gefahren. Manchmal sieht alles aus wie früher, in einigen Gebieten steht dagegen vor jedem dritten Haus das “for sale”-Schild. Dabei kündigen noch immer viele Zeichen vom Wohlstand, der durch steigende Häuserpreise gebracht wurde: zwei Autos, große Pickups, gepflegte Aussenanlagen, die Schilder der Sicherheitsfirmen.

Ehemalige Eigentümer kommen bei Freunden/Verwandten unter

In Salt Lake City ist die Situation noch einigermaßen gut: Es steht Wohnraum zur Vermietung zur Verfügung. Das Problem ist allerdings, daß viele ehemalige Hausbesitzer so stark verschuldet sind, daß sie sich die Kautionen (inzwischen bis zu 2000$) nicht mehr leisten können. Entweder man kommt bei Freunden oder der Familie unter, oder es bleiben noch die völlig überlasteten Notunterkünfte (Wo leben die ehemaligen Eigentümer? – USA today).

Die Auswüchse der Kreditindustrie verschwinden nur langsam

Auf der Tour durch Wyoming wurde schnell klar, daß die Situation auf dem Land derzeit noch besser ist. Die Krise startete in den Vororten und dehnt sich allmählich auf das Land aus. Die Auswüchse der Kreditindustrie sind trotzdem allerorten sichtbar. Beispielsweise habe ich bei der Fahrt durch Lander/Wyoming ohne nur eine Sekunde zu suchen fünf Filialen für Hypothekenkredite gesehen – und das bei etwa 6900 Einwohnern.

In Denver/Colorado steht weniger Miet-Wohnraum zur Verfügung – kein Wunder also, daß dort die Obdachlosenzahlen auf einem Rekordhoch sind. Wir diskutierten dort in einer exzellenten Brauerei gegenüber der Federal Reserve Branch Bank of Colorado über die Rolle der Notenbank in der Krise und über die möglichen Schritte. Gut, daß die Zinspolitik der Greenspan-Ära (,,jetzt handeln – später aufräumen”) die Krise durch allzu lockeres Geld mit verursacht hat, kann aus heutiger Sicht keine Frage mehr sein.

Die Einflußmöglichkeiten scheinen hingegen heute eher begrenzt zu sein. Der Verschuldungsgrad wird allerorten abnehmen. Die Frage ist nur, wie das passieren wird: Durch Inflation oder durch steigende Zahlungsunfähigkeit und Kreditausfälle. Für uns als Investoren von außerhalb spielt das gar keine so große Rolle. Die Verluste in diesem Zusammenhang müssen eben realisiert werden.

Die USA als Markt werden wieder erstarken – doch das wird dauern

Das heißt aber nicht, daß die USA am Ende sind. Die Infrastruktur ist dort nun einmal im Weltvergleich außergewöhnlich gut ausgebaut, auch im Vergleich zu Europa. Es ist ein riesiger, freier Markt, und die Amerikaner haben ein Gespür dafür, Geschäfte zu machen. Die USA werden sich wieder fangen, aber es wird einige Zeit dauern.

Vergleicht man die USA heute z.B. mit China. In China könnte schon aufgrund der Bevölkerungszahl der Markt ein vielfaches größer sein als in den USA. Allerdings ist dieser Markt heute zum größten Teil unerschlossen. Annähernd jeder Bürger in den USA ist heute erreichbar: per Kommunikation, Telefon, Internet, aber eben auch physisch durch ein hervorragend ausgebautes Straßennetz. Davon ist China noch Lichtjahre entfernt. Die USA können, sobald die Schmerzgrenze erreicht ist, schneller auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren, als in China die Informationen überhaupt im ganzen Land verteilt sind.

Wie lange wird es dauern?

Die Rezession in den USA ist schon heute eine Tatsache (sagt
zum Beispiel Buffett), und sie wird auch eine tiefe Rezession werden. Die Häuserpreise in den USA werden auch noch einige Zeit sinken. Die Schätzungen reichen von einem Jahr bis hin zu 10 bis 15 Jahren. Ich neige eher dazu, dem letzteren Bericht zu glauben.

Doch es warten jede Menge Chancen

Doch wie reagieren? Wer heute ein vernünftiges Investment-Konzept hat, der hat auch keinen Grund, etwas daran zu verändern. Die Kreditkrise und jetzt die Rezession sorgen dafür, daß auch gute Unternehmen zu günstigen Preisen zu kaufen sind.

Kredit-und-Finanz
hat ganz recht, hier Chancen zu sehen. Ich persönlich würde aber die Finanzindustrie einige Zeit meiden – hier wird wohl für längere Zeit wenig verdient werden.

Christopher H. Browne, der selber noch einige Zeit mit Ben Graham arbeitete, hat in seinem wunderbaren Buch The Little Book of Value Investing bereits angekündigt, daß sich auch in den Vereinigten Staaten wieder gute Möglichkeiten ergeben werden, gute Käufe zu tätigen – und derzeit sieht es danach aus, als ob diese Zeiten gerade wieder aufziehen.

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