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Sie dachten wirklich, die Fed weiß es nicht?

Erstellt von bf am Mittwoch 12. März 2008

Wir alle sehen die Gefahren, nur die Federal Reserve nicht. Ist das Ihr Ernst? Sie glauben daran? Wir haben ein hypotetisches Interview mit Ben Bernanke aufgezeichnet, das ein wenig Klarheit bringt – jetzt wird alles logisch erklärbar.

CoreFinance: Herr Bernanke, Kreditklemme, Börsencrash, wohin gehen die Märkte?

Bernanke: Sehen Sie, diese Frage wird mir oft gestellt in diesen Tagen, und ich versichere Ihnen: Die Fed steht bereit, jede Maßnahme zu ergreifen, um sinkende Kurse an den amerikanischen Börsen zu verhindern. Hören Sie, wir haben eine Menge Freunde da draußen an der Wall Street, die verlassen sich auf uns. Von den Präsidentschaftswahlen gar nicht zu reden. Nein, Sie können Sich auf die Fed verlassen.

CoreFinance: Sie haben ja einiges an Kapitalmaßnahmen ergriffen, Leitzinsen gesenkt, Liquidität bereitgestellt, …

Bernanke: Denken Sie auch an die alternativen Liquiditätsinstrumente. Niemals zuvor in der Geschichte hat die Fed derart innovativ auf dem Finanzmarkt interveniert, oder besser gesagt: Regelnd in den Geldverkehr eingegriffen. Wissen Sie, es ist wirklich erstaunlich, wieviele Dollars sie in kurzer Zeit produzieren können, ohne das…

CoreFinance: …ohne das die Währung kollabiert?

Bernanke: Nein, ohne das eine Panik ausbricht. Das mit der Währung – ok, das ist ärgerlich. Aber glauben Sie mir: das stecken wir weg. Wir müssen uns um die wichtigeren Dinge kümmern.

CoreFinance: Aber mal ehrlich, Öl über 100, Gold bald über 1000, der Euro bei 1,55, das muss Sie doch beunruhigen. Die Zeichen stehen auf Inflation, und zwar einer ganzen Menge davon!

Bernanke: Jetzt kommen Sie mit Ihren klugen Geschwätz. Denken Sie vielleicht, die Fed wäre blind und taub? Wir haben alle Daten, die Sie auch haben. Und eine ganze Menge mehr. Wir haben Berichte vorliegen, würden Sie die kennen, keine Nacht würden Sie mehr ruhig durchschlafen.Wir kennen die Lage, und glauben Sie mir: Wir wissen ganz genau, was wir tun. Die Fed ist zuforderst dem wirtschaftlichen Überleben verpflichtet, alles andere kommt später.

CoreFinance: Sie behaupten also, die Inflationsraten sind ein Effekt, den man in Kauf nehmen muß, um zu überleben?

Bernanke: Sie denken immer noch in völlig falschen Dimensionen: Die Entwertung muß des Dollars muß nicht nur einfach hingenommen werden, sie ist eine der wirtschaftliche Überleben Nordamerikas.

CoreFinance: Aber Sie können doch nicht

Bernanke:Das ist ja genau das Problem mit Ihresgleichen: Die Probleme sehen Sie wohl. Sie sind recht gut darin, selbst bei einer mieserablen Datenlage noch halbwegs richtige Schlußfolgerungen zu ziehen. Aber Sie sind einfach nicht bereit, die notwendigen Schritte zu ergreifen. Überlegen Sie doch mal nüchtern: Wir haben gerade 500 Billionen Dollar an Derivaten ausstehen, und jetzt kommt eine Rezession. Stellen Sie sich vor, der Wert dieser Derivate geht nur um 10% zurück, das entspricht etwa dem Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten. Verstehen Sie das bitte: Alle Amerikaner arbeiten ein Jahr, nur für die Derivatverluste. Und da sind die Sekundäreffekte noch gar nicht mit drin.

CoreFinance: In Ordnung, lassen Sie uns für einen Moment annehmen, Sie hätten Recht. Was folgt dann aber daraus, wie kann es dann weiter gehen?

Bernanke: Sie haben die wichtigste Frage noch nicht gestellt: Wieviel Verschuldung verträgt eine Volkswirtschaft? Das Wievielfache des Inlandsprodukts kann das sein? Sind die 300% des BIP tragbar?

CoreFinance: …aber in Wirklichkeit müßte ich die Frage anders stellen.

Bernanke: Ganz genau. So langsam kriegen Sie die Kurve. Die Fed kann den Schuldenstand der USA nicht beeinflussen. Also!

CoreFinance: Gut, wieviel muss der Dollar abwerten, damit das Verhältnis wieder stimmt?

Bernanke:Sie haben es raus. Grob geschätzt 75%.

CoreFinance: Also etwa 1,85-1,90 zum Euro.

Bernanke: Nicht auf 75%. Um 75%. Also etwa 3,75 zum Euro.

CoreFinance: Das kann doch nicht ihr Ernst sein. Die Erschütterungen im Finanzgefüge wären enorm.

Bernanke: Wir glauben, daß ein halbes Bruttoinlandsprodukt an Schulden für einen Staat tragbar sind. Mit den restlichen Derivaten muss die internationale Finanzwelt dann selber klar kommen. Unser Land hat lange gebraucht, um so viel Vertrauen in unsere Währung aufzubauen. Glauben Sie nicht, wir könnten eine derartige Entwertung jeden Tag durchführen. Stellen Sie sich vor, wir hätten einen großen Reset-Knopf, den wir einmal in einem Menschenleben drücken können. Wir wünschen uns immer noch, dass wir den Knopf vermeiden können, aber wir sind bereit, ihn zu benutzen.

CoreFinance: Das klingt fast so, als hätten Sie doch noch Hoffnung, das sich die Märkte früher fangen.

Bernanke: Fangen vielleicht weniger. Richtig ist, das wir die Hoffnung hatten, alles noch ein halbes Jahr nach hintern zu verschieben. Noch könnte das funktionieren, immerhin gibt es einige Staaten, die unsere Währung noch stützen – wohl aus Angst vor den neuen Verhältnissen. Schauen Sie nach China. Dort hat man in etwa die Inflationszahlen, die wir hier auch haben müßten – immerhin ist Yuan immer noch an den Dollar gekoppelt. China hat zwei Möglichkeiten: Entweder die Kopplung wird aufgehoben, womit wir fest rechnen, oder wir werden den Yuan eben mit entwerten. Und den kubanischen Peso gleich mit, was mir ehrlich gesagt ein wenig Schadenfreude bereitet. Nach 50 Jahren…

CoreFinance:Herr Bernanke, vielen Dank für das offene Gespräch.

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